Die Transsibirische Eisenbahn- wenn der Weg das Ziel ist

00918463-2249-4db8-9d90-15fa919928bbFreitag Mittag war es endlich so weit: es ging auf nach Irkutsk und zwar mit dem Zug. Schon seit einem Jahr planten wir diese Reise und konnten es noch nicht so richtig fassen, dass wir nun vor ihr standen: der Transsibirischen Eisenbahn.

Wir teilten uns ein Vierbettabteil mit Wladimir in Irina, die uns die nächsten 46 Stunden bis nach Omsk begleiteten. Die beiden konnten genauso wenig Englisch wie das Zugpersonal. Trotzdem funktionierte auch hier die Kommunikation mit Gestik und Mimik ganz gut. Irina kam dann auf die Idee sich mit Hilfe von Google-Übersetzer zu verständigen und so konnten wir uns ein bisschen unterhalten, waren die Themen auf Grund der nicht ganz so einwandfreien Übersetzung aber leider sehr oberflächlich.

Ihr denkt jetzt sicher, dass die Reise nach ein paar Stunden langweilig wird, doch das war ganz und gar nicht der Fall. Ich habe mir stundenlang die Landschaft Sibiriens angeschaut, den Gedanken freien Lauf gelassen. Ob Wälder, weite Sumpflandschaften oder Felder, immer wieder kleine Dörfer oder auch mal die ein oder andere größere Stadt: es gab immer Neues zu sehen, immer Neues zu entdecken. Mit dem gleichmäßigen Rauschen des Zuges im Hintergrund hatte das fast etwas Meditatives. Der Geruch von schwarzem Tee, ein paar Fetzen Russisch im Ohr: genauso hatte ich mir die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn vorgestellt. Ansonsten lasen wir viel, redeten über Gott und die Welt, spielten selbst ausgedachte Spiele oder lernten die anderen Mitreisenden kennen. Man macht all das wofür man sonst keine Zeit hat oder sich auch einfach keine Zeit nimmt.

IMG_6823Und mit jedem Tag der vorbei geht und man sein Ziel immer noch nicht erreicht hat, wird einem mehr und mehr bewusst wie unfassbar groß Russland ist. Als ich ein kleines Dorf, bestehend aus vielen süßen Holzhütten, fotografierte, sagte Wladimir, dass das nicht Russland sei sondern dass Moskau Russland sei. Wegen der sehr eingeschränkten Kommunikation ist einmal im Raum stehen zu lassen, ob er dies politisch, geografisch oder auf irgendeine andere Weise gemeint hat. Fakt ist: Das alles war Russland, das alles ist Russland. Und betrachtet man noch einmal die prächtigen Straßen und Gebäude der Hauptstadt, so wird der Kontrast und das Armutsgefälle umso offensichtlicher. Was mich ebenfalls erstaunte war die vergoldete Kuppel der Kirche in nahezu jedem Dorf. Egal wie schlecht die Infrastruktur des Dorfes war, selbst wenn es dort nicht einmal Straßen, sondern nur provisorische Feldwege gab, leuchtete die Kuppeln der Kirche schon von Weitem in der Sonne.

IMG_6816In den großen Städten wie Perm, Omsk, Taiga, Mariinsk etc. hielt der Zug oft für ca. 30 Minuten, sodass man die Chance hatte sich die Beine zu vertreten und auf dem Bahnsteig etwas zu Essen zu kaufen. Leider gibt es nicht mehr viele Babuschkas, die ihr selbst angebautes Gemüse aus dem eigenen Garten, frisch zubereitete russische Gerichte und selbst gebackene Teigwaren verkauften. IMG_6814Sie sind neumodischen Kioske gewichen, was ich persönlich sehr schade finde. An einem kleinen Bahnhof in Danilov hatten wir trotzdem das Glück Zeuge des regen Treibens von damals zu werden. Hier kauften wir frische Tomaten, Gurken, Obst wie Himbeeren und mit Kohl und Fleisch gefüllte Teigwaren. Die Babuschkas verkauften auch sehr viel frischen Knoblauch, wobei es uns ein Rätsel war, wer bei einer mehrtägigen Zugreise hier der  Abnehmer sein könnte. Glücklicherweise war es niemand aus unserem Wagon. Nach 2716 km erreichten wir dann Omsk und verabschiedeten unsere lieb gewonnen Mitreisenden. Sie bedankten sich für eine sehr angenehme Fahrt und wir tauschten noch e-mail Adressen aus, um ein bisschen in Kontakt bleiben zu können.

Ab Omsk bekamen wir zwei neue Abteilgenossen. Eine Mitreisende war gebürtige Russin, die aber seit über 20 Jahren in Deutschland lebte und so hatten wir endlich jemanden mit dem wir richtig reden konnten und der uns bei der Übersetzung half. Der andere Mitreisende war ein waschechter Russe, was man sofort an seinem T-Shirt Aufdruck „Proud to be Russian“ erkennen konnte. Er fühlte sich bei all dem Deutsch, das in seinem Abteil gesprochen wurde, vermutlich unwohl und verschwand nach wenigen Minuten. Wir sahen ihn generell nur nachts, wenn er etwas angetrunken versuchte in sein Bett zu klettern. Die russische Mitreisende erzählte uns viel über ihr Heimatland und es war sehr angenehm auf diese Weise mehr über das immer noch sehr fremde Russland zu erfahren. Gegen Abend des 3. Tages hielten wir in Barabinsk, wo wieder einige Babuschkas frische Waren verkauften, unter anderem auch einige Sorten geräucherten Fisch. Die Russin zeigte uns, welche Sorte besonders lecker sei und so holten wir uns ein Exemplar.IMG_6865 Wir teilten den Fisch zu dritt, da man auch in Russland gerne teilt und ungern allein gegessen wird. Leider war der Fisch nicht ausgenommen und da ich im Italien Urlaub meinem Vater geholfen hatte eine Dorade auszunehmen und mich daran noch dunkel erinnern konnte, nahm ich den Fisch äußerst fachmännisch mit Hilfe eines Buttermessers aus. Und wer mir das jetzt nicht so recht zutraut (und das habe ich mir bis zu diesem Zeitpunkt auch nicht) dem ist zu sagen: ein Abenteuerurlaub in den Tiefen Sibiriens verändert eben. Den Fisch gemeinsam zu essen und dabei den Sonnenuntergang im Hintergrund den wunderschönen Landschaften Sibiriens zu betrachten ist eine der schönste Erinnerung unserer Reise bisher. Ich empfehle jedem Reisenden auf dieser Route wärmstens die geräucherten Fische zu probieren! Es ist jedoch zu empfehlen darauf zu achten, dass der Fisch ausgenommen wurde, denn das erspart euch Zeit und sehr viel Sauerrei!

Wenn man dann am vierten Tag sagt: „Bald sind wir in Irkutsk!“ und meint mit „bald“ in 22 Stunden, ist man spätestens in Russland angekommen und denkt in russischen Dimensionen. Hier ist alles einfach ein bisschen größer als in Deutschland. f67629de-88d4-4942-a46a-1ea53d176f21

Was noch wichtig zu wissen ist:

Alle Fahrpläne der Züge, ja sogar die Anzeige der Bahnhofsuhren jedes Bahnhofes in Russland sind in Moskauer-Zeit angegeben. Das kann sehr verwirrend sein, wenn man nach 50 Stunden schon zwei Zeitzonen durchquert hat und der Moskauer- Zeit schon 3 Stunden voraus ist.  In dem Zug gibt es keine Dusche! Das sollte einem bewusst sein, wenn man diese Reise antritt. Mit einem Waschlappen, Trockenshampoo, Seife und Deo kann man die Zeit allerdings solide überbrücken und eine Klimaanlage gibt es glücklicherweise auch. Trotzdem würde ich beim nächsten Mal nicht wieder von Moskau nach Irkutsk non-stop durchfahren. Nehmt Euch die Zeit und legt einen Zwischenstopp ein. Ekatarinburg und Krasnoyarsk sollen zum Beispiel sehr schön sein und ihr werdet es allein der ruhigen Nacht und der Dusche wegen genießen! Ein Punkt, der mir auch sehr wichtig ist hier zu thematisieren ist die Sicherheit. Zu keinem Zeitpunkt auf der Reise habe ich mich unsicher oder belästigt gefühlt. In jedem Wagen gibt es zwei Schaffner, die auch nachts aufpassen und in jedem Zug fahren sowohl Polizisten, als auch Notärzte mit. Wenn man sich als Frau umziehen möchte, verlassen die Männer das Abteil und schließen die Tür und umgekehrt Generell ist der Umgang dort sehr höflich und zuvorkommend.

Nach 88 Stunden, 4 Zeitzonen und 5193 km haben wir es dann bis Irkutsk geschafft! Die Zeit in der Transsibirischen Eisenbahn war ein einzigartiges Erlebnis, eine Mischung aus einer Fahrt mit dem Hogwarts-Express und einem Camping Lager, in dem man jeden Morgen an einem neuen Ort aufwacht. Ich werde die Zeit, die Menschen, die Landschaft und all die damit verbundenen neuen Eindrücke niemals vergessen. Jetzt freue ich mich trotz allem auf eine ausgiebige Dusche!

до скорого! 

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