Von K wie Kellerloch bis S wie Spitzendecken – die Wohnungssuche in China

Heute können wir endlich sagen: wir haben eine Wohnung und der Umzug ist geschafft! Doch im Nachhinein betrachtet war es alles Andere als ein Leichtes diese Mission erfolgreich abzuschließen und ohne unseren liebgewonnen Makler, der ein paar Lanzen für uns brach, wären wir vermutlich immer noch obdachlos.

Sucht ihr in China eine Wohnung, dann sucht euch erst einmal eine Agentur, die euch bei der Vermittlung hilft. Im Angebot unterscheiden sie sich kaum und so ist es am einfachsten bei einem Büro anzufragen, das in dem Viertel liegt, in dem man am liebsten wohnen würde. Deswegen entschieden wir uns für eines im direkten Umkreis der Universität, da sich unser Alltag besonders in diesem Viertel abspielen werden würde. Wir sammelten im Vorfeld all unsere Wünsche, der Wohnung betreffend und die Rahmenbedingungen wie unser Budget auf Chinesisch, denn auch hier sprach niemand ein Wort Englisch. Der Makler war begeistert uns als neue Kunden gewonnen zu haben und war überzeugt uns genau die richtige Wohnung zeigen zu können: zwei Schlafzimmer, nahe der Uni, große Küche, westliches Badezimmer und sogar günstiger, als wir erwartet hatten. Und eh wir uns versahen waren wir nach gefühlten zwei Minuten schon auf dem Weg zu unserer ersten Besichtigung: so einfach hatten wir uns das alles nicht vorgestellt. Die Lage war schon einmal hervorragend, in einer kleinen Seitenstraße nahe der Uni. Doch nachdem wir die Treppen in den siebten Stock hinter uns gelassen hatten und einen Blick ins Innere der Wohnung erhaschen konnten, wurden wir ganz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geholt: so einfach war es dann doch nicht!

Die Küche und der angrenzende, offene Wohnraum waren zwar sehr geräumig, doch leider ohne Fenster und somit stockduster, der Boden in einem der Schlafzimmer war kaputt und die wildgeblumt-gemusterte rosa Tapete in dem anderen Schlafzimmer würde uns früher oder später wahnsinnig machen. Joshua und ich mussten nur einen Blick austauschen, um zu beschließen: hier würden wir nicht einziehen!

Wir wiesen den Makler darauf hin, dass wir gerne eine etwas hellere Wohnung haben würden und dass die Möbel und der Boden wenigstens nicht kaputt sein sollten. Bis zum nächsten Tag wollte er uns weitere Wohnungen suchen.

Wir bekamen dann auch schnell die Rückmeldung, dass am nächsten Tag zwei Besichtigungen auf uns warten sollten. Eine Wohnung war im ersten Stock, sollte aber einen schönen kleinen Garten haben, die andere befand sich im 3 Stock und sollte schön hell sein. Die Vorstellung eines eigenen kleinen Gartens gefiel mir sehr gut und so waren wir sehr optimistisch und freuten uns auf die Besichtigungen. Als der Makler die Tür der Wohnung öffnete und uns der Geruch von altem Keller entgegenkam, verflog diese Euphorie allerdings innerhalb weniger Sekunden. Was so roch wie alter Keller, sah auch so aus. Dort war kein Boden verlegt und die blanke Betonplatte sorgte für noch mehr Kellercharme. Alle Fenster waren mit Folien abgeklebt, sodass kaum Sonnenlicht in die Wohnung fiel. Ihr erinnert euch an den Garten, der uns angepriesen wurde? Nun ja. Dort fanden wir noch mehr Betonboden, auf dem vereinzelte Blumentöpfe standen. Von dem Zustand der Möbel muss ich gar nicht erst anfangen, es reicht, wenn ich euch sage, dass diese Wohnung sicherlich ein gutes Jahr leer stehen musste. Da auch diese Wohnung günstiger war, als unser angegebenes Budget, wiesen wir den Makler darauf hin, dass wir noch Luft nach oben hätten (nur so als Relation: die Wohnung hätte 150€ im Monat gekostet, ein Preis, der auf dem deutschen Immobilienmarkt wahrscheinlich nicht mal für eine Garage reichen würde.) Dem Makler war es sichtlich peinlich uns eine so dunkle und dreckige Wohnung gezeigt zu haben und entschuldigte sich mehrmals damit, dass er sie vorher nicht gesehen hatte. Daraufhin disponierte er allerdings um, ging mit uns zu einer anderen Filiale der Agentur, um neue Schlüssel für neue Wohnungen zu holen und weiter ging es auf Wohnungsjagd. Mittlerweile waren wir auf so ziemlich alles gefasst, was uns erwarten könnte und während der Makler die Tür der nächsten Wohnung öffnete, wanderte mein Blick schnell Richtung Boden, während ich betete, dass ich nicht wieder auf nackten Beton schauen würde. Und tatsächlich: meine Gebete wurden erhört! Hinter dieser Tür lag eine sehr große, helle, schön möblierte Wohnung mit drei Schlafzimmern und einem sehr großzügigen Wohn-/Esszimmer. Kein Kellerloch, keine grässlichen Mustertapeten, keine Löcher im Boden und auch kein Alptraum aus Tüll und Spitze weit und breit. Diese Wohnung sollte es sein! Tatsächlich bekamen wir sie auch zugesprochen und sollten am nächsten Tag zur Vertragsunterzeichnung in die Agentur kommen. Voller Vorfreude und Begeisterung gingen wir an diesem späten Nachmittag essen und stießen auf die neue Wohnung an. Nach dem ersten Bier erhielt ich vom Makler dann aber die Nachricht, dass wir die Wohnung doch nicht bekommen würden, da der Vermieter einen festen Mieter für die nächsten drei Jahre haben möchte und sie uns deswegen nicht geben wird. Grade noch voller Euphorie saßen wir nun da: die tolle Wohnung wurde uns vor der Nase weggeschnappt. Aber so schnell wollten wir uns noch nicht geschlagen geben. Und so schrieben wir dem Vermieter eine lange Nachricht, in der wir betonten wie sehr wir die Wohnung mochten und spielten auch die Ausländerkarte, denn sich in einem fremden Land zu Recht zu finden ist nicht immer leicht. Tatsächlich wollte der Vermieter eine Nacht darüber schlafen und sich die Sache durch den Kopf gehen lassen. Für irgendwas musste es schließlich auch gut sein als Ausländer aufzufallen und wenn wir dafür diese Wohnung bekommen sollten, spielten wir die Karte sehr gerne. Nun lag eine sehr lange, ungewisse Nacht vor uns, die aber an ihrem langersehnten Ende eine positive Nachricht mit sich brachte: der Vermieter wollte sich zu einer Verhandlung mit uns treffen. Jetzt hieß es ein bisschen Geschicklichkeit zu beweisen. Die Verhandlung war dann etwas chaotisch, denn auf Chinesisch gestaltet sich so etwas dann doch eher komplizierter. Aber manchmal sind weniger und dafür klare Worte vielleicht aussagekräftiger, oder wir taten dem Vermieter einfach leid, weil wir dann doch nicht alles verstanden. Was auch immer der Grund war, am Ende des Tages war der Vertrag unterzeichnet und wir hatten die Wohnung! Mehr zählte in diesem Moment nicht. Was noch sehr interessant war: ich besiegelte den Vertrag nicht mit meiner Unterschrift, sondern mit einem, in rote Tinte getauchten Fingerabdruck. Eine zunächst sehr ungewohnte Methode, rückblickend betrachtet aber ziemlich gut durchdacht: eine Fälschung ist somit nicht möglich.

An diesem Abend schlief ich sehr gut, denn ich wusste, dass es die letzte Nacht seit über sechs Wochen sein würde, in der ich in einem Gruppenschlafsaal eines Hostels schlafen müsste. Endlich haben wir das Ziel unserer langen Reise erreicht und endlich kann ich sagen: ich bin in China angekommen, ich lebe offiziell im Land der Mitte.

Kategorien Leben in China

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