China, das Land, das Verrückte macht

Kennt ihr die Folge von Asterix & Obelix, in der sie den scheinbar einfachen Auftrag erhalten Passierschein A38 im Haus, das Verrückte macht, zu bekommen und stundenlang von Schalter zu Schalter rennen, damit sie die bürokratischen Hürden meistern können? Nun ja, ungefähr genau so fühlen sich die ersten Tage in China an.

In Peking angekommen erhielten wir eine Benachrichtigung der Uni, dass sich der Beginn der Anmeldephase und damit auch der Beginn der Vorlesungen um einen Monat nach hinten verschieben wird und wir von einer früheren Anreise bitte absehen sollten. Da uns diese Meldung vier Tage vor dem ursprünglich vereinbarten Anmeldetag erreichte und man so eine Reise nach China nicht unbedingt last-minute bucht, waren wir ein wenig vor den Kopf gestoßen. Wie mit der Uni im Vorfeld vereinbart, waren wir nämlich mit einem Touristen-, statt einem Studenten-Visum eingereist, da es die Uni aus zeit-technischen Gründen nicht geschafft hatte, uns das sehr wichtige JW202 Formular nach Deutschland zu schicken, das wir zur Beantragung des Studenten-Visums unbedingt benötigt hätten. Mit dem verschobenen Beginn der Uni, reichte die Gültigkeit unseres Visums nun nicht mehr bis zu diesem Zeitpunkt aus, denn ein klassisches Touristenvisum hat eine befristete Gültigkeit von 30 Tagen. Leider reagierte niemand auf unsere Anrufe und E-mails und da der Flug nach Kunming eh schon gebucht war, beschlossen wir der Uni einen Besuch abzustatten.

Doch auch vor Ort, erreichten wir niemanden, das Büro war einfach geschlossen und auch sonst fanden wir keinen Ansprechpartner. Aus diesem Grund ging es für uns nach Hongkong. Das JW202 Formular hatte nämlich unterdessen seinen Weg zu uns nach Hause nach Deutschland gefunden und unsere Eltern hatten es glücklicherweise für uns entgegengenommen und nach Kunming geschickt. Der Plan war recht simpel: in einer Agentur in Hongkong sollte nun mit allen benötigten Unterlagen das Studenten-Visum beantragt werden. Doch auch dieser Plan ging gelinde gesagt in die Hose, da sowohl in Joshua´s, als auch in meinem JW202 Formular eine fehlerhafte Information gelistet war. Und so ging es nach einer äußerst frustrierenden Woche mit einem neuen Touristenvisum zurück nach Kunming.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir schon wirklich angenervt, da uns weder die Uni, noch die Ansprechpartner unseres Stipendiums Rückmeldung oder eine Hilfestellung in jeglicher Weise gaben. Glücklicherweise trafen wir nun aber endlich unsere Chinesisch-Lehrerin im International Office der Uni, die nicht nur sehr gut Englisch spricht, sondern auch sehr freundlich ist und uns versicherte das Visum problemlos umschreiben zu können. Jetzt fing die Schnitzeljagd nach den nötigen Scheinen allerdings erst richtig an.

Als Erstes mussten wir zu einem Fotografen, der offiziell Passfotos von uns machte, die in einer Datenbank gespeichert werden, bei der sich alle ausländischen Studierenden in Yunnan registrieren müssen. Die Richtlinien sind hier sehr streng: man darf keinen Schmuck tragen, beide Ohren müssen zu sehen sein, selbstverständlich darf nicht gelächelt werden und der Hintergrund muss in weiß gehalten werden. Das dabei entstandene Passbild von mir könnte ebenso in der Datenbank gefährlicher Straftäter gespeichert werden und ich hoffe immer noch, dass die Chinesen ein Auge zudrücken und mich trotzdem ein Jahr in ihrem Land bleiben lassen. Aber Scherz beiseite: mit diesem Formular mussten wir uns dann bei der Polizei registrieren. Das Büro im Präsidium war ziemlich klein und in dessen Mitte standen schätzungsweise Acht Schreibtische, um die sich Sechszehn Angestellte gescharrt hatten. Eine Uniform trug hier niemand. Nachdem wir den Schreibtisch gefunden hatten, an dem wir uns registrieren sollten und uns dorthin gequetscht hatten, mussten wir mehrere Formulare ausfüllen. Die Polizisten hatten große Probleme damit unsere Namen in ihrer digitalen Datenbank einzutragen, weil sie einfach zu lang waren. Auch die Reisepassnummer passte nicht ins digitale Schema, da die ID-Nummer der Chinesen ausschließlich aus Zahlen und einem X und nicht aus anderen Buchstaben besteht. Auf dieses Problem sollten wir noch öfter stoßen, denn alle bürokratischen Prozesse sind nur an das chinesische Format angepasst und so kann einen eine solche Kleinigkeit zunehmend um den Verstand bringen. Die Polizisten halfen sich dann und schrieben nur unseren halben Namen in das Dokument und vertauschten ein paar Informationen. Als Joshua der Polizistin vor der Unterzeichnung des Formulars beispielsweise zeigte, dass unser Vermieter im Feld seines Notfallkontaktes stand, nickten die Polizisten nur ab und meinten, dass das egal sei. Generell hat man zunehmend das Gefühl, dass einige bürokratische Prozesse eher alibimäßig ausgeführt werden und im Nachhinein niemals in irgendeiner Weise kontrolliert werden.

Auf unserer To-do Liste stand außerdem ein Gesundheitstest. Dafür mussten wir ans andere Ende der Stadt in ein Institut, das sich auf genau diese Einreise- und Ausreise- Gesundheitszertifikate spezialisiert hatte. Dort angekommen wurden wir wieder einmal fotografiert und registriert, bekamen einen Zettel in die Hand gedrückt und machten uns damit auf den Weg von Raum zu Raum, um die einzelnen Stationen abzuklappern. Vor jedem Zimmer der zwei Stockwerke des Gebäudes stand eine Krankenschwester, die mir den Zettel aus der Hand riss, mich anschließend in den Raum schob, entweder auf eine Liege bugsierte oder eben kurze Anweisungen auf Chinesisch gab, was zu tun war. Sobald die Untersuchung abgeschlossen war, stand auch schon der nächste Chinese im Raum, der nun an der Reihe war. Man konnte froh sein, wenn man noch geschafft hatte sich wieder vollständig anzuziehen, bevor man schon von der nächsten Krankenschwester ungeduldig gerufen wurde. Auf diese Weise wurde ein großes Blutbild gemacht, mein Brustkorb wurde geröngt, ich wurde gemessen, gewogen, habe einen Seh- und Hörtest gemacht, die Funktionalität meiner Extremitäten wurde überprüft, mein Blutdruck gemessen, eine Urinprobe wurde genommen und ich habe ein EKG machen lassen. Nach nicht mal Zwanzig Minuten war ich dann schon durch: immerhin ging dieser Teil auf meiner Liste im Gegensatz zu den restlichen Prozeduren effektiv und schnell, verbringt man sonst doch meistens mehrere Stunden damit Formulare auszufüllen oder darauf zu warten, dass der Chinese vor einem endlich schafft deinen deutschen Namen ordnungsgemäß in sein System einzutragen. Generell ist die Arbeitsweise vieler chinesischer Beamten ebenso effektiv und schnell wie die der Beamten in Deutschland, auch wenn die Kaffeepause hier durch eine Teepause ersetzt wird. Doch wie man so schön sagt: in der Ruhe liegt die Kraft und mit der Zeit wird man gelassener. Und so gewöhnt man sich an, einfach direkt mal zwei Stunden mehr Zeit einzuplanen, bevor man ein chinesisches Amt betritt. Das schont die Nerven und den Puls.

Mit all diesen Unterlagen ging es dann zu dem zentralen Polizeipräsidium der Stadt, da wir ein Interview durchführen mussten, um die Daueraufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Das angekündigte Interview entpuppte sich dann allerdings als eine Belehrung und Aufklärung über Verbote im kommenden Jahr. Zwar darf in Yunnan die eigenen Religion frei ausgelebt werden, doch man darf die Menschen nicht rekrutieren. Mit einer eigenen Sekte wird es dann also wohl auch in China nichts. Natürlich müssen die Gesetzte der Volksrepublik China befolgt werden und auch das Arbeiten ist uns nicht gestattet, wir sind ja schließlich auch zum Studieren hier. Kurz gefasst: uns wurde nicht wirklich etwas mitgeteilt, das wir nicht schon gewusst hätten. Danach durften wir unsere Unterlagen abgeben, sie wurden geprüft und in drei Wochen würden wir unseren Pass mit der Daueraufenthaltsgenehmigung zurück bekommen: endlich war dieser Schritt nach knapp Vier Wochen geschafft!

Aber eine Sache fehlte ja noch. Richtig: die Registrierung in der Uni. Zum Glück hatten wir schon fast alle Dokumente ausgefüllt und so waren wir sehr zuversichtlich, dass dies nicht all zu lange dauern würde. Seltsam, dass wir nach Vier Wochen immer noch so ein optimistisches Zeitmanagement hatten. Am Ende verbrachten wir dann doch wieder knapp Sieben Stunden in der Uni, liefen von Raum zu Raum, um die benötigten Scheine ausfüllen zu lassen. Selbstverständlich fehlte bei Joshua ein sehr wichtiges Dokument, sodass wir wieder doppelt so oft hin und her geschickt wurden, bis wir am Ende endlich alle Dokumente ausgefüllt abgeben konnten. Dann machten wir noch einen sehr provisorisch wirkenden Sprachtest, wurden dem 中级一 Kurs (der 1. Kurs des mittleren Niveaus) zugeteilt und kauften die benötigten Bücher.

Wahrscheinlich sind diese ersten Tage und Wochen, in denen man sich mit dem Papierkram und der oft sehr unorganisierten Abwicklung der Prozeduren rumschlagen muss eine Art Eignungsprüfung, wie sehr man in diesem Land studieren möchte, wie sehr man ein Jahr hier bleiben möchte. Und ja, es gab Momente, in denen ich die Nerven verloren habe, geweint, geschrien habe und am liebsten alles hin geschmissen hätte. Aber das habe ich nicht, was vermutlich auch daran lag, dass ich sowohl liebe Menschen und meine Familie in der Heimat habe, die mich in solchen Momenten aufbauen, als auch dass Joshua mit mir im gleichen Boot saß und wir so niemals alleine waren. Am Ende ist der ganze Stress vergessen, am Ende freut man sich einfach auf das kommende Jahr. Aber wenn ihr nach China wollt lasst euch gesagt sein, dass ihr starke Nerven mitbringen müsst! Irgendwas geht immer schief und wenn eine Sache schief geht, dann geht meistens alles schief.

Ich für meinen Teil werde die ganze Anspannung der letzten Wochen jetzt mit einer ordentlichen Portion Yoga lösen und mich dann auf den Unterricht am kommenden Montag vorbereiten. Und soll ich euch was sagen? Jetzt, wo alles geschafft ist, freue ich mich umso mehr, dass es endlich losgeht! Wie es dann ist, an einer chinesischen Uni zu studieren, erfahrt ihr sehr bald.

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2 Kommentare zu „China, das Land, das Verrückte macht

  1. Ja von der Bürokratie habe ich leider auch denselben Eindruck bekommen. Mein Freund (er ist Chinese) wollte seinen Ausweis erneuern. Die Kamera für das Bild hat aber nicht funktioniert. Also STANDEN wir 2h in der Polizei herum (gab keine Sitzmöglichkeiten) und die Polizistin hat sich mit meinem Freund entspannt über Deutschland unterhalten. Wir hätten auch einfach gehen können und morgen wiederkommen 😐

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    1. Das hört sich nach einem typischen Tag auf einem chinesischen Präsidium an.

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