Eine kleine chinesische Zeremonie, oder wie ich meine südafrikanischen Wurzeln entdeckte

Dieses Wochenende veranstaltet die Yunnan Universität eine Art Bundesjugendspiele, die heute morgen mit einer riesigen Zeremonie eröffnet wurden. Und wenn ich sage, dass sie riesig war, dann meine ich auch riesig – eben genauso groß, wie es sich für China gehört und wie wir es spätestens seit den Olympischen Spielen 2008 auch nicht anders erwarten würden.

Ich wurde von meiner Chinesisch Lehrerin gefragt, ob ich unsere Fakultät der internationalen Schule dort repräsentieren würde. Da ich nicht genau wusste, worauf ich mich da einließ und auch sonst nicht wirklich gewusst hätte, wie ich höflich ablehnen könnte, sagte ich zu und so ging es heute morgen um halb 8 mit dem Bus los Richtung Süden der Stadt. Die Yunnan Universität besteht nämlich aus zwei Campen, einem Kleineren im Zentrum der Stadt, auf dem auch ich unterrichtet werde und einem Größeren etwas außerhalb der Stadt. Als wir dort ankamen, ging auch alles gleich ziemlich schnell. Überall standen die verschieden Gruppen der einzelnen Fakultäten, alle einheitlich gekleidet und noch einmal ihre kleinen Choreographien übend. Diese Zeremonie schien für alle ziemlich ernst und wichtig zu sein und so fühlte ich mich etwas fehl am Platz, wusste ich doch absolut nicht was ich zu tun hatte und wo ich mich aufstellen musste. Zum Glück fiel ich aber relativ schnell auf und die zuständige Platzeinweiserin brachte mich zu meinem Platz. Erst dann begriff ich: ich sollte zusammen mit Maria, einer Polin aus meinem Kurs, vor den chinesischen Studenten der internationalen Fakultät laufen, die deutsche Flagge schwenken und lächeln. Ich fühlte mich etwas unwohl, wäre es mir doch sehr viel lieber gewesen bei den anderen internationalen Studenten in der Menge zu laufen. Doch eh ich mich versehen hatte, wurde mir auch schon eine kleine Fahne in die Hand gedrückt und es ging los, im Rhythmus der Marschmusik. Sehr irritiert schaute ich noch kurz die Flagge in meiner Hand an, denn neben schwarz, rot und gold war dort noch blau grün und weiß zu sehen: es war die südafrikanische Flagge. Spätestens dann fing ich an das Ganze mit Humor zu nehmen und lief, sehr stolz die südafrikanische Flagge schwingend vorbei an einer Tribüne, auf der Fotografen auf den besten Schnappschuss warteten und weiter zu einem Podium, auf dem der Vorstand der Universität saß und uns halb freundlich, halb kritisch begutachtete. Unterwegs wurden wir zusätzlich noch von zwei Drohnen begleitet, die das ganze Spektakel aufnahmen. Zum Glück hatten wir weder eine Choreographie noch einen Anfeuerungsspruch einstudiert und mussten diesen nicht wie die anderen Fakultäten auf Höhe des Podiums zum Besten geben. So durften wir uns bald auf dem Fußballfeld in Reih und Glied aufstellen. Von dort aus hatte man beste Sicht auf die Darbietungen der anderen Fakultäten, wie sie tanzten, aufwändige Plakate in die Höhe hielten, anmutig im Takt des Blasorchesters marschierten oder einfach nur motivierende Anfeuerungsschreie in die Menge riefen. Auch wenn die Veranstaltung aus mancher Perspektive vermutlich ein wenig übertrieben, ein wenig zu viel war, so war die Stimmung auf dem Platz toll. Man konnte förmlich spüren wie stolz alle um mich herum waren, ein Teil der Universität und ihrer Aktivitäten zu sein. Die Studenten und Lehrer schienen sich wirklich damit zu identifizieren, etwas, das mir in Deutschland manchmal etwas fehlt. Denn als Studentin der Universität Köln identifiziere ich mich jetzt nicht wirklich. Es ist vielleicht dieser schmale Grad zwischen der Erschaffung eines Gemeinschaftsgefühls und Propaganda, mit dem hier gespielt wird.

Da eine solche Veranstaltung in Deutschland aber fast undenkbar ist, bin ich wirklich froh, auch diese Erfahrung in China gemacht zu haben. Auch, wenn ich mir im ersten Moment etwas zur Schau gestellt vor kam, ist es im Nachhinein betrachtet einfach wieder eine lustige Geschichte, die ich vermutlich noch meinen Enkelkindern erzählen werde: „ Kennt ihr schon die Geschichte, als ich in China die Südafrikanische Flagge schwenken durfte, um die internationale Vielfalt der internationalen Fakultät meiner Uni zu repräsentieren?“

Eins muss man dem Ganzen aber lassen: es ist sicher noch nicht so oft vorgekommen.

Kategorien Leben in ChinaSchlagwörter , , ,

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