Zhangjiajie (张家界)- Willkommen in Pandora

Nach einer besonders langen, besonders ermüdenden Zugfahrt erreichten wir nach über 20 Stunden gegen Abend endlich Zhangjiajie. Da die Stadt an sich nicht besonders schön ist und wir die nächsten zwei-einhalb Tage sowieso ausschließlich im Nationalpark verbringen wollten, hatten wir fußläufig dessen Eingangs ein Hostel gebucht – eine Entscheidung, für die wir in den nächsten Tagen mehr als dankbar sein würden, liegt der Nationalpark doch mehr als eine Stunde Busfahrt außerhalb der Stadt. Im Hostel halfen uns die netten Angestellten am Empfang dabei unsere Touren zu planen, erklärten uns die Wanderrouten und zeichneten sie in eine Karte ein, die uns bei der Orientierung helfen würde. Am Ende warnten sie uns noch, dass es stellenweise ein wenig vereist sein könnte, was wir zwar zu Kenntnis nahmen, doch leider nicht weiter beachteten. In China ist es doch eher eine Floskel, einem Reisenden zur Vorsicht aufzurufen, die wir tagtäglich ohne wirklichen Grund zu hören bekamen und sie bei uns deshalb seine Wirkung verloren hatte.

IMG_0688Als wir dann am nächsten Tag nach einer wirklich eindrucksvollen Fahrt mit der Gondel in den Bergen ankamen, mussten wir schnell feststellen, dass die Warnung vor „ein wenig“ Eis ziemlich untertrieben war: alle Wege waren zugeschneit, geräumt wurde hier nicht. IMG_0690Dies bedeutete auch, dass hier oben keine Bussen fahren würden. Dafür war allerdings weit und breit auch keine Menschenseele zu sehen und nachdem wir so lange auf engstem Raum mit vielen Menschen in einem Zug eingesperrt waren, stellte sich dieser Spaziergang durch den Schnee als das Schönste heraus, das ich mir in diesem Moment hätte vorstellen können. Hielt man zwischendurch an und verstummte das Geräusch unserer Schuhe auf dem eisigen Untergrund, da konnte man in die Stille förmlich hineinhören. Allein dafür hatte sich der Weg schon gelohnt, denn den Luxus einer solchen Stille hatte ich zuletzt in Yangshuo auf unserer Floßtour genießen dürfen. Doch natürlich waren wir den weiten Weg gekommen, um einen wundervollen Ausblick zu bestaunen und auch der enttäuschte uns nicht. Der Park teilt sich in drei größere Wandergebiet. Wir würden in zwei Tagen den Tianzishan (天子山), Yangjiajie (杨家界) und Yuanjiajie  (袁家界) besuchen. Hier seht ihr den tollen Ausblick des ersten Tages:

Danach ging es zum Abstieg des Berges, um die „10 Meilen Galerie“ (十里画廊) zu erreichen. Hier wurde das Eis zum ersten Mal zum Problem, denn die Stufen waren arschglatt – einen passenderen Ausdruck gibt es dafür nicht! Zwei Stunden hielt ich durch, dann legte es mich natürlich auf die Nase. Zum Glück war es aber halb so wild und ich hatte mich im letzten Moment am Geländer auffangen können. Fahrt Ihr also im Winter nach Zhangjiajie und wollt Euch ein paar blaue Flecken sparen, seid schlauer als ich und nehmt ordentliche Wanderschuhe oder sogar Spikes mit.IMG_0816
Unten an der Galerie angekommen, konnte ich beim Passieren leider nicht alle besonderen Felsen ausmachen. Allerdings entdeckte ich die drei Schwestern und den alten Mann, der in die Ferne winkt und Gäste aus der ganzen Welt willkommen heißt. Verrückt – es sieht wirklich so aus, nicht wahr?IMG_0832
Für die erste Route haben wir ca. 8 Stunden gebraucht. Allerdings mussten wir nirgendwo anstehen, sind dafür aber die Strecken in den Bergen gelaufen, die man sonst mit dem Bus zurück legt. Ob wir dadurch schneller oder langsamer waren, als in der Hochsaison will ich nach Passieren der leeren Wartesäle und weitläufigen Parkplätze einmal offen lassen. Zur Hochsaison würde ich danach allerdings sehr ungern dorthin.

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Der schmale Weg hoch

Am zweiten Tag ging es zunächst nach Yangjiajie, von wo aus wir nach Yuanjiajie zu den berühmten Avatar Berge wanderten. Um auf den Berg zu gelangen fährt man dieses Mal nicht mit einer Gondel, sondern mit einem Aufzug. Nicht schlecht hab ich gestaunt, als ich aus dem Bus schon von Weitem diesen Outdoor Aufzug am Rande einer steilen Felswand entdeckt hatte: ein bisschen gruselig war das ja schon. Nicht traurig war ich deshalb auch, als wir als eine der letzten Passagiere den Aufzug betraten und somit nicht direkt an der Glaswand standen, von wo aus man die immer größere Entfernung zum Boden unter sich beobachten kann.  Dass die Avatar Berge auch der Touristen Spot Nummer 1 im gesamten Gebirge ist, kann man sofort an den vom Schnee frei geräumten Straßen erkennen. Doch bevor wir uns diese ansehen wollten, führte unser Weg zunächst zu einem kleinen Bergdorf und der „natürlichen chinesischen Mauer.“ Wieso der Fels diesen Namen trägt liegt wahrscheinlich auf der Hand und wird auch dem Letzten bewusst, wenn er auf ihn hinunter schaut.IMG_0844
Bis man dort oben allerdings angekommen ist, hat man einen wahrhaft abenteuerlichen Weg vor sich, der durch das Eis nicht uninteressanter wurde. Wir mussten richtig klettern, dabei immer aufpassen Halt zu finden und nach meinem gestrigen Ausrutscher war ich ganz besonders vorsichtig. Doch wir erreichten die Bergspitze ohne weitere Zwischenfälle und genossen umso besser gelaunt diese grandiose Sicht.IMG_0863

Je näher man den Avatar Felsen kam, desto mehr Touristengruppen traf man auch, desto voller wurde es. Doch da diese meistens ein straffes Programm haben, ließen wir sie einfach passieren und waren deshalb die meiste Zeit allein. Nur ein paar Affen leisteten uns Gesellschaft, immer ein wachsames Auge auf unsere Hände und Rucksäcke gerichtet, in der Hoffnung auf ein Mittagessen. Der Besuch der sogenannten Ecstasy-Terrasse soll der Höhepunkt des Nationalparks sein und wieder einmal war der Ausblick unfassbar schön. Ein wenig erinnerte es wirklich an die Landschaft Pandoras aus dem Film Avatar!

Entschließt man sich auch dort für den Abstieg zu Fuß, endet man in einer wunderschönen Schlucht, die mit seinem grünen verwilderten Wald und den darin lebenden Affen an einen wahren Dschungle erinnert. Wäre im nächsten Moment ein Dinosaurier um die Ecke gekommen, hätte ich mich keine Sekunde gewundert, so irreal wirkte dieser Ort und so irreal fühlte es sich an, dort hindurch zu laufen.
Da wir am dritten Tag nachmittags schon wieder weiter nach Changsha (长沙) fahren würden, war nicht genügend Zeit, um den Nationalpark ein drittes Mal zu besuchen. Stattdessen fuhren wir zu einer Glasbrücke, die etwa 30 Minuten mit dem Bus vom Eingang des Nationalparks entfernt ist. Die Brücke ist nicht nur die höchste, sondern auch die längste Glasbrücke der Welt und führt durch den sogenannten Grand Canyon Zhangjiajies (大峡谷).
So ganz schwindelfrei bin ich nicht ja und dementsprechend schwer fiel es mir auch den Ausblick nach unten zu genießen, während ich über das Glas lief. Um ehrlich zu sein schaute ich so gut wie nie runter und bevorzugte den Weg über die nicht verglasten Teile der Brücke. Nachdem ich all meinen Mut zusammen genommen hatte, konnte ich mich wenigstens für wenige Minuten auf eine der Platten setzen und ein paar kurze Blicke auf das Geschehen unter mir werfen. Auch wenn mir immer noch etwas mulmig zu Mute war,  muss ich zugeben, dass dieses Erlebnis und dieser Ausblick wirklich ziemlich cool war.
Auch, wenn von den blauen Avatar jede Spur gefehlt hat, war Zhangjiajie mein absolutes Highlight der Reise, ja sogar mein Highlight Chinas! Doch nehmt Euch die Zeit diesen Ort in der Nebensaison zu besuchen, denn diese Stille inmitten dieser Berge zu genießen, ist etwas ganz Besonderes, das von Touristengruppen umgeben nicht wirklich möglich ist. Doch Stille, Ausblick und das kleine Abenteuer bei der ein oder anderen Klettertour machen die Reise durch dieses Gebirge einzigartig. Zhangjiajie ist also ein absolutes Muss auf jeder Chinareise!

Die nächste und zugleich auch letzte Station unserer Reise ist Xi’an. Es geht also in den Norden und wird nochmal richtig schön kalt, bevor es dann wieder in den Frühling zurück geht. Damit wir nicht erfrieren ist unser Programm bis oben hin vollgestopft, denn diese Stadt hat verdammt viel zu bieten – was genau, könnt ihr ganz bald hier lesen.

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2 Kommentare zu „Zhangjiajie (张家界)- Willkommen in Pandora

  1. Momente der Stille sind so etwas Besonderes. So tief, so weit…. und das in so einer grandiosen Natur. Wunderbar!!!

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  2. Toll geschrieben und einfach immer wieder aufs Neue inspirierend!! Danke, dass du uns so mitnimmst und teilnehmen lässt! 🙂

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